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Expertise:
Hans Geissler, Erich-Heckel-Stiftung, Gaienhofen-Hemmenhofen
Der 1883 in Döbeln geborene Maler und Graphiker Erich Heckel studiert zunächst
Architektur in Dresden, wo er gemeinsam mit seinem Jugendfreund und Kommilitonen
Karl Schmidt-Rottluff die beiden älteren Studenten Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl
kennenlernt. 1905 tun sich die Freunde zusammen und gründen die Künstlervereinigung
„Die Brücke“, mit dem Ziel, sich von nun an auf die reine Malerei zu konzentrieren und
diese durch eine expressive, innovative Formensprache aus dem herrschenden
akademischen Kanon zu befreien. In den Folgejahren schließen sich der „Brücke“
Künstler wie Max Pechstein oder Otto Mueller, zeitweise auch Emil Nolde, an. Bis zur
endgültigen Auflösung der Künstlervereinigung 1913 formulieren die Freunde einen
gemeinsamen Stil, der sich vor allem durch extreme Farbigkeit und eine kantige Malweise
auszeichnet und sich inhaltlich um einen expressiven Ausdruck menschlicher Emotionen
bemüht. Obgleich die Brücke-Künstler in dieser Zeit sehr ähnlich arbeiten, tendiert Heckel
im Vergleich zu den anderen Mitgliedern stets zu einer eher verhaltenen, stärker formal
konzipierten Ausdrucksweise, mit lyrischen Anklängen.
Den Ausbruch des Ersten Weltkrieges nimmt Heckel als Zäsur wahr und die Kriegsjahre
stürzen den sensiblen Maler in tiefe seelische Depressionen. Häufig zeugen seine, in
dieser Zeit entstanden Werke von einer Auseinandersetzung mit den menschlichen
Abgründen.
In den Zwanziger Jahren wird seine Kunst wieder freier. Obgleich Heckel die
Errungenschaften der „Brücke-Zeit“ weitgehend beibehält, verharrt er nicht in diesem
Stil. Die dramatische Inszenierung weicht einer stärker ausgewogenen Farbpalette und
einem klarer konstruierten Bildaufbau. Auch rückt der Realitätsbezug stärker in den
Vordergrund und Heckel setzt sich bevorzugt mit Landschaftsmotiven auseinander. In
diesen Themenbereich lässt sich auch die 1927 entstandene Papierarbeit „Haus in
Angeln“ einordnen. Von einem erhöhten Standpunkt aus, der für Heckels in dieser Zeit
entstandene Arbeiten typisch ist, skizziert der Künstler das rote, reetgedeckte
Bauernhaus an einem regnerischen Tag. Durch die Wahl der erhöhten Perspektive
gewinnt das Bild an Raumtiefe. Der dynamische Pinselduktus und die Verwendung
kräftiger Farben zeugt von der Verwurzelung im expressiven Stil der „Brücke“ und erspürt
so eindringlich die Rauheit der nordischen Natur an einem stürmischen Tag. Auf der
anderen Seite zeigt sich Heckels künstlerische Weiterentwicklung zu einem in sich
weicheren, realitätsbezogeneren und klarer konstruierten Spätstil. Der Maler, den es
zeitlebens immer wieder an die Ostsee zieht, schafft es in unserer schönen Papierarbeit
„Haus in Angeln“, nicht nur eine getreue Naturwiedergabe der schleswig-holsteinischen
Region „Angeln“ wiederzugeben, gleichzeitig fängt er auch den eigentümlich sanft-herben
Charakter dieses Landstriches ein. In seinen Schriften zu Erich Heckel und dessen Bezug
zu Schleswig würdigt der berühmte Kunsthistoriker und Zeitgenosse Heckels, Max
Sauerlandt, das im Hohen Norden entstandene Werk des Künstlers folgendermaßen:
„Und warum auch viele Worte machen von dieser Kunst, die ihre Grenzen so klar
empfindet und so rein erhält? Sie rührt an etwas Vollkommenes, weil sie nicht mehr sein
will, als sie von Natur ist. Ihre sanfte Schönheit schmeichelt sich dem Auge und dem
Gefühl unwiderstehlich ein; alles, was sie zu sagen hat, spricht sie in ihrer heiteren oder
sanft melancholischen Farbigkeit selbst aus. In diesen arkadischen Landschaftsbildern,
mit denen sich Heckel Heimatrecht bei uns erworben hat, ist scheinbar ein leises
Hinüberneigen zu der Kunst der letzten Generation zu spüren, doch schwingt in der Form
des Pinselstrichs und in der frei gestaltenden Naturanschauung immer noch die ganz
andere Gesinnung des Jahrhundertbeginns. Dort war ein hoher Sinn für den
Mechanismus der Natur Antrieb zur Gestaltung, hier lebt ein die Natur vergöttlichender
Enthusiasmus, ein zarter Geist, der sich in der heimlichen Harmonie der Farben selbst zu
verhauchen scheint.“1.)
Anm.:
1) Max Sauerlandt, in: „Schleswig-Holsteinisches Jahrbuch“, 19 (1930-31); zit. in: Felix
Zdenek (Hg.), „Erich Heckel 1883-1970.Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Graphik“,
Ausst.-Kat., München 1983, S. 225.
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