FORT 'Leck'

FORT 'Leck'

invitation by fort

FORT

Invitation

Prix sur demande

mercredi 12 septembre 2012samedi 20 octobre 2012


Berlin, Germany

Eröffnung: Dienstag 11. September 2012, 19:00 bis 21:00 Uhr

Zur Ausstellung
Ende August 2012 wurde die letzte Filiale der Drogeriemarktkette Schlecker geschlossen und damit auch ein Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Der Metzgersohn Anton Schlecker gründete das Untenehmen 1975, zehn Jahre später war er bereits Marktführer mit 1000 Filialen deutschlandweit. Es folgte eine rasante Expansion, national wie international. In Spitzenzeiten umfasste das Schlecker-Imperium etwa 14.000 Filialen mit 50.000 Mitarbeitern in 17 Ländern. Ende der 2000er Jahre gerät der Drogerie-Discounter ins Trudeln. Das Unternehmen macht Verluste, die Liquidität ist in Frage gestellt, die Mitarbeiter sind unterbezahlt, die Läden veraltet, die Arbeitsbedingungen katastrophal. Alle Versuche, den Konzern neu auszurichten und das Image wieder aufzupolieren, scheitern. Im Januar 2012 stellt Anton Schlecker Antrag auf Insolvenz. Nachdem kein Investor für eine Übernahme gefunden werden kann, werden alle Filialen dicht gemacht und sämtliche Mitarbeiter entlassen. Europas größte Drogeriemarktkette verschwindet. Überall in Deutschland, ob in Großstädten, Kleinstädten oder Dörfern, zeugen für kurze Zeit tausende verwaiste Schlecker-Läden mit ihren leeren Regalen und nackten Wänden von diesem Verschwinden.

Für ihre erste Einzelausstellung in der Galerie Crone hat das Künstlerkollektiv FORT dieses Bild in einer raumgreifenden Installation festgehalten. Die gesamte Einrichtung einer insolventen Schlecker-Filiale aus Berlin Prenzlauer Berg wurde abgebaut und im Obergeschoss der Galerie in modifizierter Form neu zusammengesetzt. Die Außenwände des Schlecker-Inventars fügen sich zu einem monumentalen Kubus, der mit einer Fläche von etwa zwölf mal sechs Metern einen eigenen Raum im Galerieraum bildet. Beim Betreten begegnet dieser Kubus dem Besucher wie die Rückseite einer Kulisse, dahinter befindet sich der Eingang zu einem dystopischen „Schleckerland“, in dem grau-weiße Flächen und blaue Leisten das vertraute Bild der Drogeriekette beschwören, das jedoch dekontextualisiert und auf seine Einzelteile reduziert fremd und verstörend wirkt. An der Decke befestigte Neonröhren hüllen leere Regalreihen, perforierte Stellwände und Einkaufswägen in grelles Licht. Die Gebrauchsspuren am gesamten Inventar erstarren zu Zeichen eines vergangenen (Produkt)Lebens. Die Installation ist statisch, die einzige Bewegung entspringt einem Laufband an der Kasse, das jeglicher Funktion entkleidet auch nur ins Leere läuft. Was bleibt, ist ein dumpfes Brummen, das bedrohlich durch den Raum hallt.

Die Auseinandersetzung mit Räumen des Alltags zieht sich wie ein roter Faden durch die künstlerische Praxis von FORT. Die Installationen und Performances des Künstlerkollektivs sind an der Grenze zwischen alltäglicher Wirklichkeit und künstlicher Simulation situiert, an der dem Betrachter reale Orte als Zerrbilder einer künstlichen Welt erscheinen.

In der Ausstellung „Leck“ wird eine Schlecker-Filiale zu solch einem Zerrbild. „Schlecker“ ist hier wortwörtlich greifbar und doch so wenig begreifbar wie die Funktionsweise des Systems, dessen Scheitern es heute symbolisiert. Der Ausstellungstitel greift das Motiv des Scheiterns und des Untergangs in doppelter Weise auf. Zum einen bezeichnet er das „Leck“ in einem Schiff, den Bruch im System, das es zum Untergang bringen kann. Zugleich ist „Leck“ aber auch ein Teil des Wortes Schlecker (Sch-leck-er): „Leck“ fungiert damit als semantisches Gerippe in der selben Weise, in der das Inventar der Schlecker-Filiale das materielle Gerippe eines im Verschwinden begriffenen Ortes darstellt, der jahrzehntelang das Wahrnehmungsfeld unseres täglichen Lebens prägte. In ihrer Installation ruft FORT die spezifische Alltagsästhetik von Schlecker noch einmal ins Bewusstsein, allerdings nur noch als Fragment, dessen Präsentation im White Cube das Vertraute und Alltägliche in neuer, fremder Perspektive erscheinen lässt.

Durch die Neuanordnung und Reduzierung des Inventars entsteht ein Objekt, das sich von der ursprünglichen Bedeutung seiner Bestandteile entfernt und gerade dadurch dieser Bedeutung wieder nähert. Erinnerungen an Bilder aus Filmen wie Romero‘s „Dawn Of The Dead“ kehren ins Gedächtnis zurück. Die postapokalyptische Leere eines gesellschaftlichen Niedergangs, wie er in Science-Fiction Filmen zu finden ist, schwingt in diesem „noch“ sehr zeitgemäßen Ausstellungsstück mit. In einer fortgeführten zeitlichen Ebene, erscheint es als naheliegende Möglichkeit, dass Menschen in zwei Jahrhunderten in einem Museum vor einem Relikt kapitalistischen Scheiterns stehen könnten.

Die Dekontextualisierung der Schlecker-Filiale im Galerieraum konserviert also einerseits eine prägende Alltagsästhetik, andererseits wirft sie aber vor allem auch Fragen nach dem Verhältnis einer Praxis des Bewahrens und einer künstlerischen Verwertungslogik auf. Auf dem Prüfstand steht nicht nur das Verhältnis von Kunst und Ökonomie, sondern nicht zuletzt auch unser Verhältnis zum Niedergang eines Unternehmens und seinen sozialen Konsequenzen. FORT hat eine Installation geschaffen, die nicht nur das Antlitz eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs festhält, sondern Besucher in unmittelbarer Konfrontation mit den materiellen Überresten dieses Zusammenbruchs zur kritischen Reflexion auffordert.

Zu den Künstlerinnen
Das Künstlerkollektiv FORT wurde 2008 von Anna Jandt (geboren 1980), Jenny Kropp (geboren 1978) und Alberta Niemann (geboren 1982) ins Leben gerufen. Die erste gemeinsame Einzelausstellung fand im gleichen Jahr in den Kunstwerken Berlin statt, wo die Gruppe auf Einladung von Kuratorin Susanne Pfeffer die Installation „Hotel Marienbad“ präsentierte. 2009 folgte die viel beachtete Ausstellung „Point Gray II“ im Neuen Museum Weserburg in Bremen, 2013 wird im Kunsthaus Dresden die Einzelschau „The H of Departure“ gezeigt. Darüber hinaus war FORT in mehreren internationalen Gruppenausstellungen vertreten, unter anderem im Museum of Modern Art in Warschau („Wystawa“, 2010), im La Maison Rouge in Paris („Mémoires du Futur – La Collection Olbricht“, 2011) sowie in der Galerie Exile, Berlin („Document Performance“, 2011). Die Künstlergruppe wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, zu denen eine Projektförderung der Stiftung „Kunstfonds zur Förderung der zeitgenössischen bildenden Kunst“ (2009) und der Preis des Freundeskreises der Hochschule für Künste Bremen (2008) gehören. Dieses Jahr erhielt FORT das renommierte Karl Schmidt-Rottluff Stipendium, darüber hinaus wurde ihre Arbeit „Thirty Feet Away From Me“ in der Ausstellung „Andere Räume“ in der Bundeskunsthalle Bonn gezeigt. „Leck“ ist die erste Einzelausstellung der Gruppe in der Galerie Crone.