RESISTANCE: Lies Maculan, Stefan Roloff, Deborah Sengl

RESISTANCE: Lies Maculan, Stefan Roloff, Deborah Sengl

cri de cœur by lies maculan

Lies Maculan

Cri de Cœur, 2011

the kindness of strangers by stefan roloff

Stefan Roloff

The Kindness of Strangers, 2012

toter winkel (diptychon) by deborah sengl

Deborah Sengl

Toter Winkel (Diptychon), 2012

vendredi 22 février 2013samedi 13 avril 2013


Berlin, Germany

RESISTANCE: Lies Maculan, Stefan Roloff, Deborah Sengl
22.02. – 13.04.2013

In der Ausstellung "RESISTANCE“ präsentiert die Galerie Deschler Arbeiten der drei Künstler Lies Maculan, Stefan Roloff und Deborah Sengl, die sich mit politischem Widerstand, seiner Formensprache und seiner Vermittlung, Ikonisierung und Manipulation durch die Medien beschäftigen.

Die Wiener Künstlerin Lies Maculan ist mit drei Arbeiten vertreten. Ihre Fotocollage "Cri de Coeur“, die mehr als drei auf sechs Meter misst, zeigt verschiedene Demonstranten der "Occupy Wall Street“-Bewegung mit ihren Protestplakaten 2011 im Zucotti Park in New York. Während sie auf der einen Seite die neue Schlagkraft veranschaulicht, welche das Internet mit ihren neuen, staatlicher Zensur und der Kontrolle durch organisierte Mediengroßkonzerne gleichermaßen entzogenen Informationsmöglichkeiten Basisbewegungen verliehen hat, zeigt sie gleichzeitig auch eines ihrer grundlegenden Probleme auf: die fehlende zentrale Kontrolle der Bewegung kann leicht zu einer völligen Unklarheit im Hinblick auf ihre Ausrichtung, Definition und Ziele führen. In "Tank Man“ greift Maculan eine ältere Figur auf, nämlich die, welche während der der gewaltsamen Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung am 4. Juni 1989 am Tiananmen-Platz in Beijing dadurch Berühmtheit erlangte, dass sie, nur mit Plastiktüten bewaffnet, eine ganze Kolonne von Panzern zum Stehen brachte. Sie verweist damit auf einen weiteren wichtigen Aspekt der Wirkung von Bildern in Bewegungen politischen Widerstandes: die Ikonisierung, durch die ein einzelnes Bild zum weltweit bekannten Sinnbild für einen Konflikt werden kann. Maculans dritte Fotoarbeit zeigt die Schließfächer im Tresorraum einer schweizer Bank, ebenfalls ein ausdrucksvolles Symbol für verfestigte Machtverhältnisse.

In seiner Videoinstallation "The Kindness of Strangers“ portraitiert Stefan Roloff die Sudanesin Twin Sister und den Iraner Friend of Khayyam. Beide nahmen im November 2012 an der Besetzung des Pariser Platzes vor dem Brandenburger Torteil, um ihre Lebensbedingungen als Flüchtlinge zu humanisieren. Die Ausstellungsbesucher betreten ein aus alten Stoffresten zusammengesetztes Zelt. In dessen Fenstern erscheinen die Portraits vor einem animierten Hintergrund. Die Flüchtlinge wurden als Silhouetten interviewt. Ihre resultierenden "Anti Portraits“ haben das Ziel, das von ihnen Gesagte nicht mit einer bestimmten Person zu verbinden. Ihre Bilder bieten einen Blick in die Vergangenheit anderer, aber auch in eine Zukunft, wo ein solches Schicksal jeden Menschen treffen könnte. Sie dürfen also auch als "Provokation einer im Dornröschenschlaf befindlichen Gesellschaft“ verstanden werden. Der zweite Teil der Installation besteht aus einem großformatigen Foto, das Stefan Roloff mit den beiden Protagonisten vor dem für Touristen festlich beleuchteten Pariser Platz inszeniert hat. Sie stehen dort mit schwarz verhüllten Gesichtern, als würden sie auf einen Henker warten, während schemenhafte Passanten unbeteiligt an ihnen vorbei laufen.

Deborah Sengl, ebenfalls aus Wien, ist mit zwei Diptychen mit dem Titel "Toter Winkel“ vertreten. Während das längere Paneel eine Szene körperlicher Gewalt zeigt, sehen wir im jeweils anderen Paneel im Diptychon eine Figur, welche die Szene fotografiert. Die augenscheinliche Gewalt in den Bildern geht nicht eindeutig nur von einer Seite aus, erst die Ausstattung der Figuren mit Tierköpfen weist ihnen Figuren ganz bestimmte Opfer-/Täter-Rollen zu. So können Sengls Bilder, die im Titel auf Wahrnehmungslücken Bezug nehmen, als Reflexion über die grundlegende Mehrdeutigkeit bildlicher Dokumente verstanden werden. Denn in jeder gewaltsamen Auseinandersetzung, und das gilt in der heutigen Welt expandierender Informationsquellen mehr als jemals zuvor, findet auch ein Machtkampf um die Deutungshoheit von Bildern statt. In einem Aufstand der Bevölkerung gegen seine despotischen Machthaber etwa — wie derzeit in Syrien der Fall — können und werden Bilder von Massakern an der Zivilbevölkerung gerne von beiden Seiten zur Verunglimpfung der Gegenseite eingesetzt. Sengls Serie von Zeichnungen beschäftigen sich mit einem weiteren Aspekt gegenwärtiger Machtausübung, nämlich ökonomisch-psychologischer: ihre ironischen Vertauschungen von bekannten Marken machen deutlich, wie tief diese durch systematische Werbung bereits in unser Bewusstsein eingedrungen sind und unser Weltbild mitformen.