Sherrie Levine / August Sander

Sherrie Levine / August Sander

vendredi 16 mars 2012samedi 19 mai 2012


Cologne, Germany

Jablonka Paquer Projects / Galerie Pasquer / Jablonka Galerie

Jablonka Galerie und Galerie Priska Pasquer freuen sich die Ausstellung „Sherrie Levine - August Sander“ zu präsentieren. Mit dieser Ausstellung treten die Arbeiten von Künstlern der beiden Galerien in einen direkten Dialog. Aus Anlass der Ausstellung hat die amerikanische Künstlerin Sherrie Levine die Serie „After August Sander“ geschaffen.

Sherrie Levine, die diesen Winter eine große Überblicksausstellung im Whitney Museum, New York, hatte, hat seit dem Beginn der 1980er Jahre als Mitglied der „Pictures Generation“ (mit Künstlern wie Cindy Sherman und Richard Prince) mit ihren Arbeiten über Moderne Kunst für Aufsehen und Kontroversen gesorgt. Unter dem Schlagwort „Appropriation“ (Aneignung) hat Sherrie Levine Werke von Künstlern wie Walker Evans, Karl Blossfeldt, Man Ray, El Lissitzky oder Paul Cézanne kopiert und zu eigen gemacht. Mit ihren Reproduktionen von Fotografien, Gemälden und Skulpturen stellt Sherrie Levine zentrale Konzepte der Kunst - Originalität, Bedeutung und Autonomie von Kunstwerken - in Frage. Zugleich bestätigt die Künstlerin in der Differenz ihrer Arbeiten zu den originalen Vorlagen, insbesondere Fotografien, die Aura der von ihr aneigneten Kunstwerke.

Bei Jablonka Pasquer Projects wird Sherrie Levine’s neue Serie „After August Sander“ gezeigt. Die Serie besteht aus 18 Abzügen von Portraitfotografien aus August Sander’s epochalem Gesellschaftsportrait „Menschen des 20. Jahrhunderts“. Mit diesem ersten Beispiel einer konzeptuellen Fotografie erstellte August Sander (1876-1964) eine Typologie der Menschen der Weimarer Republik. Die Arbeit Sander’s zeichnet die Fähigkeit des Fotografen aus, die Individualität der Portraitierten einzufangen und diese zugleich als typische Vertreter einer bestimmten Gesellschaftsschicht und Berufsgruppe darzustellen. Der Einfluss von August Sander ist bis heute ungebrochen. Ohne ihn sind so unterschiedliche Fotografen wie Irving Penn oder Bernd und Hilla Becher mit ihrer Schule nicht zu denken.

Die 18 Fotografien – zur Hälfte Portraits von Männern und Frauen – hat Sherrie Levine aus einer Gruppe von 36 Fotografien von August ausgewählt, die in den 1970er/1980er Jahren von Gunther Sander, dem Sohn von August, abgezogen wurden. Zusammengestellt wurde die Gruppe von 36 Arbeiten von Gerd Sander, dem Enkel von August Sander. Diese Fotografien werden in der Jablonka Galerie ausgestellt. In der Auswahl der 36 Sander hat Gerd Sander formale und inhaltliche Korrespondenzen und Gegensätze in August Sander’s Werk betont. Die von Sherrie Levine daraus erstellte Gruppe von 18 Arbeiten „After August Sander“ ignoriert diese Zusammenhänge. Zudem weisen ihre Arbeiten eine leichte Unschärfe auf und unterscheiden sich in den Tonwerten.

Kay Heymer beschreibt in einem Essay zu „After August Sander“ Sherrie Levine’s Arbeit wie folgt: „Sherrie Levine unterstreicht mit ihren Bildern nach August Sander die große Bedeutung dieses Künstlers im Sinne einer traditionellen Hommage. Gleichzeitig sind ihre Bilder aber auch Aneignungen existierender Bilder, deren Urheber keine Rolle spielt. Es sind ihre Bilder geworden, so wie sie auch zu den Bildern des Betrachters werden, oder des Sammlers, der die Bilder als Ware kaufen kann. Die Kunst von Sherrie Levine ist eine Kunst gesteigerter Aufmerksamkeit, die in unverwechselbar fein abgestufter Differenzierung die verschiedenen Abstufungen an Realitätsgrad und Authentizität von Bildern untersucht, bestätigt oder verwirft. Wer sich in ihre Welt begibt, kann darin Entdeckungen voller Humor und Sinnlichkeit machen.“

In Ergänzung zu der Serie „After August Sander“ wird bei Jablonka Pasquer Projects Sherrie Levine’s Bronzebüste „Phrenology Cranium“ (2006) gezeigt. Die nach einer gefundenden Vorlage erstellte Büste zeigt ein Modell der zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelten phrenologischen Lehre, die versuchte geistige Eigenschaften topologisch bestimmten Hirnarealen zuzuordnen.

In der Galerie Priska Pasquer werden neben Landschaftsaufnahmen von August Sander zwei kleinformatige Skulpturengruppen und ein Gemälde gezeigt. Die aus jeweils drei Bronzefiguren bestehenden Gruppen hat Sherrie Levine als „Posses“ (Trupps) bezeichnet. Bei „The Three Muses“ (2006), der Darstellung von drei Schweinchen, und den „The Three Furies“ (2006), kleine monströse Gestalten, geht es nicht um die Frage nach Original und Kopie, sondern um die Beziehung der Figuren untereinander.

Hinzu kommt ein großformatiges Gemälde aus Levine’s Serie der „Knot Paintings“. In diesen Arbeiten nutzt Levine Sperrholzplatten in denen fehlerhafte Astlöcher durch Holzscheiben ersetzt wurden. Diese Scheiben hat Levine monochrom angemalt. Die Referenzen zu den Vorlagen sind in diesen Arbeiten unschärfer, aber wie in jeder Arbeit von Levine geht es hier auch um Quellen, Präzedenzfälle, Einflüsse, Inspirationen und Kopien.

Sherrie Levine, 1947 geboren in Hazelton, Pennsylvania. Studium an der University of Wisconsin. Sie lebt und arbeitet in New York und Santa Fe. Ihre Arbeiten sind vielfach in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt worden. Unter anderem in den Einzelausstellungen: Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford (1987), Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington, D.C. (1988), San Francisco Museum of Modern Art (1991), Philadelphia Museum of Art (1993), Portikus, Frankfurt (1994), Museum of Contemporary Art, Los Angeles (1995), Kunstverein Hamburg (1999), The Getty Research Institute, Los Angeles (2001), Georgia O' Keefe Museum, Santa Fe (2007) und Whitney Museum of American Art, New York (2011).

August Sander, 1876 geboren Herdorf. 1904-1910 Fotograf in Linz, Österreich. Umsiedlung nach Köln und Eröffnung eines Fotoateliers. Schwerpunkt Portraitfotografie, später auch Architektur- und Landschaftsfotografien. 1929 Veröffentlichung von „Antlitz der Zeit“ mit einer Auswahl aus „Menschen des 20. Jahrhunderts“. Während des 2. Weltkrieges Umzug nach Kuchenhausen, Westerwald. Das Kölner Atelier wird 1944 bei einem Luftangriff zerstört. Stirbt 1963 in Köln. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen weltweit, unter anderem die Einzelausstellungen: Kölnischer Kunstverein, Köln (1927), Photokina, Köln (1951), Museum of Modern Art, New York (1969), The Art Institute of Chicago (1976), Kunstgewerbemuseum Zürich (1977), Philadelphia Museum of Art (1980), Pushkin Museum, Moskau (1994), Die Photographische Sammlung, Köln (2001), National Museum of Modern Art, Tokyo (2005), The J. Paul Getty Museum (2008), Fondation Henri Cartier-Bresson, Paris (2009), Tate Modern, London (2010), National Galleries Scotland, Edinburgh (2011).