Christian Boltanski 'Les Archives Du Cœur' at Sale e Tabacchi, Rudi-Dutschke-Straße 23, Berlin

Christian Boltanski 'Les Archives Du Cœur' at Sale e Tabacchi, Rudi-Dutschke-Straße 23, Berlin

les archives du coeur, insel ejima, japan by christian boltanski

Christian Boltanski

Les Archives du Coeur, Insel Ejima, Japan, 2008

Prix sur demande

samedi 1 novembre 2008samedi 31 janvier 2009


Cologne, Germany

Christian Boltanski
Les Archives Du Cœur
Nov/Dez 2008, verlängert bis zum 31.01.2009
Sale e Tabacchi, Rudi-Dutschke-Straße 23, Berlin

IN SITU - zu Gast bei Piero de Vitis und Michael Kewenig

Warum laden Piero de Vitis, ein prominenter Berliner Restaurantbesitzer, und Michael Kewenig, ein international angesehener Galerist aus Köln, Künstler in das Sale e Tabacchi in Berlin ein, künstlerische Projekte IN SITU zu realisieren? Die Idee geht auf ein Gespräch der beiden Einladenden mit Christian Boltanski zurück. Alle drei wollen ein Projekt in Berlin realisieren, das weder in einem institutionellen, noch in einem durch den Kunstmarkt bestimmten Rahmen stattfindet. Sie wollen vielmehr Bedingungen schaffen, in denen Kunst gemeinschaftlich erfahrbar ist und zwar durch eine soziale Begegnung von Menschen, die professionell mit Kunst arbeiten, sich einfach nur für Kunst interessieren oder an diesem Ort neugierig auf Kunst werden und sich gerne darüber austauschen. Es geht um das gemeinschaftliche Erlebnis von Kunst und der Überzeugung, dass Kunst ein bedeutendes soziales Kapital darstellt, das angesichts des aktuellen Marktgeschehens zunehmend in den Hintergrund tritt. Für sie steht die Frage im Vordergrund, was kann Kunst mit Menschen und für Menschen tun. Dass dies in der gewählten Räumlichkeit des Sale e Tabacchi geschehen wird, ergibt sich aus der Beteiligung von Piero de Vitis folgerichtig.

Mit dem Begriff „Soziales Kapital“ bezeichnet Pierre Bourdieu die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit der Teilhabe am Netz sozialer Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind. Das soziale Kapital bezieht sich auf die Beziehungen zwischen Menschen. Es bietet für die Individuen einen Zugang zu den Ressourcen des sozialen und gesellschaftlichen Lebens wie Unterstützung, Anerkennung, Wissen und Verbindungen. Das Entscheidende ist der Dialog zwischen Menschen und in diesem besonderen Fall mit und zur Kunst.

Diese Dialoge werden anlässlich der Serie IN SITU Reihe ermöglicht. Otto Neurath österreichischer Philosoph und Ökonom gründet 1929 in Wien den so genannten „Wiener Kreis“. Was die Kreismitglieder verband, waren nicht gemeinsame Thesen, sondern, „die grundsätzliche Einstellung.“ „Eine moderne Demokratie, so schrieb Neurath unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg 1945, brauche gesellschaftliche Räume, in denen ein abwägender, nachdenklicher Diskurs über die gesellschaftliche Ordnung, in der wir leben, geführt werden kann. Mit überprüfbaren Argumenten, in einer klaren Sprache. Die Demokratie werde nur dann eine Chance haben, wenn möglichst viele Menschen lernen, die Welt unter verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten, ihre Erfahrungen in Worte zu fassen, sie mit anderen auszutauschen und ihre Sicht der Dinge unter bestimmten Umständen zu ändern.“2 Künstler wie Christian Boltanski sind gewohnt ihre Sicht auf die Welt, ihre Kommentare und Ansichten zur Gesellschaft in Ausstellungen zur Diskussion zu stellen. Um einen Austausch dieser Art bewusst zu fördern haben sich Piero de Vitis und Michael Kewenig entschlossen die IN SITU Projektreihe zu initiieren.

Kunst wird Ausgangspunkt für einen sozialen Dialog. Künstler und ihre Werke geben den Anlass für Dialoge zu aktuellen, gesellschaftspolitischen und sozio- kulturellen Fragestellungen, die der normale Kunstbetrieb lange vernachlässigt hat. IN SITU beginnt einen Dialog der hoffentlich von Anfang an sehr ernst genommen wird. Die Arbeit „Les Archives du Coeur“ von Christian Boltanski bietet hierzu einen wunderbaren ersten Anlass. Sie hat performativen Charakter. Boltanski nimmt mit einem Stethoskop Herztöne von Gästen des Restaurants auf, um sie später in sein Archiv der Herztöne einzustellen. Derjenige, dessen Herztöne aufgenommen werden, wird in einem Buch namentlich erfaßt und erhält gegen Zahlung einer kleinen Schutzgebühr eine Aufnahme seiner Herztöne. Eine Kopie dieser Aufnahme geht mit seinem Einverständnis in Boltanskis Archiv, das auf der Insel Ejima im Süden Japans geführt wird. Seine Herztöne kann jeder Besucher ab dem 31.10.08 bis zum 1.11.08 ab 10 Uhr und danach im November und Dezember an Werktagen jeweils von 15 bis 18 Uhr im Sale e Tabacchi aufnehmen lassen.

Für Michael Kewenig und seine Galerie ist es ein erstes öffentliches und nachhaltiges Erscheinen in der Kunstmetropole Berlin. Wichtig ist der Galerie, dass die Menschen einen Zugang zu Künstlern und deren Kunst gewinnen, die den Werken und ihrer starken humanistischen Begründung entspricht und damit etwas in den Vordergrund gerückt wird, um das es in der Kunst spätestens seit der Moderne traditionell geht. Es geht um einen aufklärerischen und humanistischen Ansatz von Kunst, der sich in den Arbeiten der Künstler ausdrückt, die für die Serie IN SITU im Verlauf des nächsten Jahres gewonnen wurden. Zu ihnen gehören Lawrence Weiner, Jannis Kounellis, Imi Knoebel und Ilja Kabakov. Ziel der Galerie ist es hierdurch ein Publikum zu gewinnen, das sich mit Bewusstsein für Kunst engagiert, sei es im institutionellen und musealen Umfeld, in marktwirtschaftlichen Zusammenhägen oder im Rahmen von Privatsammlungen und kunsthistorischer oder –theoretischer Arbeit. Am Anfang steht also ein Bewusstsein darüber, was die Kunst der Moderne auch heute zu leisten im Stande ist und deren Wertschätzung. Diesen Weg zu wählen bietet die Möglichkeit Menschen zusammen zu führen, die der Kunst diese Wertschätzung entgegenbringen und diese Menschen an Kunst unter den genannten Gesichtspunkten heranzuführen.

Für Piero de Vitis ist IN SITU eine willkommene Möglichkeit, seine humanistische Überzeugung klar zum Ausdruck zu bringen und die Kunst als das zu sehen was sie ist, eine Möglichkeit mit Menschen über das Heute und Jetzt in einen intensiven Dialog zu treten und das humanistische wie soziale Bewusstsein im Rahmen seiner Räumlichkeit öffentlich zu vertreten.

Für diese Projektreihe könnte es keinen besseren Zeitpunkt und mit dem Restaurant Sale e Tabacchi in Berlin keinen besseren Ort geben, sich für diese wichtige Aufgabe von Kunst und Kultur einzusetzen. Medienpartner dieser Reihe ist fair zeitung für kunst und ästhetik wien/ berlin, die diesen Diskurs als Kernidentität und Begründung für ihr Entstehen eindeutig definiert. Sie wird zu den jeweiligen Projekten jeweils eine Sonderbeilage drucken. Der Herausgeber der Zeitung Wolf Günter Thiel wird die Projektreihe mit den Einladenden zusammen organisieren und durchführen.

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IN SITU - Guests of Piero de Vitis and Michael Kewenig

Why are Piero de Vitis, a prominent Berlin restaurant owner, and Michael Kewenig, an internationally reputed gallery owner from Cologne, inviting artists to the Sale e Tabacchi in Berlin to realize artistic projects IN SITU? The idea goes back to a conversation the two had with Christian Boltanski. All three wanted to realize a project in Berlin that took place neither in an institutional framework nor in one defined by the art market. Rather, they want to create conditions under which art can be experienced together through a social encounter between people who work professionally with art, are simply interested in art or become curious about art at this place and want to discuss it. It is a matter of a shared experience of art and the conviction that art represents a significant social capital which, in view of current market happenings, has increasingly receded into the background. For them the question in the foreground is what art can do with people and for people. The fact that this will take place in the chosen surroundings of the Sale e Tabacchi is a natural consequence of Piero de Vitis' involvement.

With the term, social capital, Pierre Bourdieu denotes the totality of current and potential resources connected to participation in the network of social relations of mutual familiarity and recognition. Social capital refers to relationships among people. For individuals it offers access to the resources of social life such as support, recognition, knowledge and connections. The decisive factor is the dialogue between people and, in this particular case, with and about art.

These dialogues are made possible through the IN SITU series. Otto Neurath, an Austrian philosopher and economist, established in Vienna in 1929 the so-called Vienna Circle. What joined members of the circle were not shared theses but a "fundamental stance". "A modern democracy," wrote Neurath immediately after the Second World War in 1945, "needs social spaces in which a well-considered, reflective discourse about the social order in which we live can be furthered. With verifiable arguments and in a clear language. Democracy,” he said, “will only have a chance if as many people as possible learn to view the world from various perspectives, to put their experiences into words, to exchange them with others and to change their views of things under certain circumstances".2(3) ??? Artists such as Christian Boltanski are used to exposing their perspective on the world, their commentaries and views about society to discussion in exhibitions. To deliberately promote an exchange of this kind, Piero de Vitis and Michael Kewenig have resolved to initiate the IN SITU series of projects.

Art will become the starting-point for a social dialogue. Artists and their works provide an occasion for dialogues about current socio-political and socio-cultural questions which the normal art industry has long neglected. IN SITU will begin a dialogue which, hopefully, from the outset will be taken very seriously. The work, Les Archives du Coeur, by Christian Boltanski offers a wonderful first stimulus for such a dialogue. It has a performative character. With a stethoscope, Boltanski will record the sounds of the hearts of the restaurant's guests and, with their consent, they will then be lodged in his archive of heart beats. Those whose heartbeats are recorded will be noted by name in the book and, for a small fee, will obtain a copy of the recording. The archive will be maintained on the island of Ejima, situated south of Japan. Guests can have their heartbeats recorded from 31 October to 1 November 2008 from 10 a.m., and after that in November and December on weekdays between 3 and 6 p.m. at Sale e Tabacchi.

For Michael Kewenig and his gallery it is the first sustained public appearance in the art metropolis of Berlin. It is important for the gallery that people gain an access to the artists and their art that corresponds to the works and their strongly humanist foundations, and that thus something is pushed into the foreground with which art has traditionally been concerned at the latest since the modern age. It is an enlightenment and humanist approach to art expressed in the works of artists who have been won over for the IN SITU series that will be presented in the course of the next twelve months. They include Lawrence Weiner, Jannis Kounellis, Imi Knoebel and Ilja Kabakov. The gallery's aim is to draw a public that is committed to art with full awareness, whether it be within the milieu of institutions and museums, in connection with the art business or within the context of private collections and work on art history or art theory. At the beginning, therefore, there is an awareness, appreciation and estimation of what the art of modernity is still able to achieve today. To choose this path offers the opportunity of bringing people together who have such an estimation of art and to guide them to art from the perspectives mentioned.

For Piero de Vitis, IN SITU is a welcome opportunity to clearly express his humanist conviction and to see art as what it is: a possibility to enter into an intensive dialogue with people here and now and to publicly present both a humanist and social awareness on his premises.

For this series of projects there could be no better point in time and, with the restaurant Sale e Tabacchi in Berlin, there could be no better place to involve oneself with this important task for art and culture. The media partner for the series is fair, a newspaper for art and aesthetics in Vienna and Berlin, which unequivocally defines this discourse as its core identity and the reason for its establishment. For each of the projects it will publish a special supplement. The newspaper's editor, Günter Thiel, will organize and execute the series of projects in association with the hosts.

Translated from the German by Dr Michael Eldred, artefact text & translation, Cologne